Von Tamara Berghmans, Kuratorin der FOMU-Sammlung
Einführung
Das Fotomuseum Antwerpen (FOMU) in Belgien feierte 2015 sein fünfzigjähriges Bestehen mit einer neuen Sammlungspräsentation unter dem Titel Photography Inc. From Luxury Product to Mass Medium. Die Ausstellung erzählt die Geschichte der Fotografie und der Fotoindustrie von ihren Anfängen bis heute. Zu Beginn war die Fotografie ein Handwerk; ein Foto war ein Luxusgut. Später wurde sie zu einem Massenprodukt für einen demokratischen Markt. „Photography Inc.“ untersucht das Zusammenspiel zwischen der Fotoindustrie und dem Fotografen. Alle ausgestellten Objekte stammen aus der Sammlung des FOMU.
In den vergangenen fünfzig Jahren hat das FOMU eine Sammlung von internationaler Bedeutung zusammengetragen. Das Museum verfügt über eine reiche und vielfältige Sammlung von Fotografien (mehr als 900000 Objekte, Positve und Negative) sowie Kameras (rund 23000 Exemplare). Die Sammlung fotografischer Geräte ist in Bezug auf Größe und Vielfalt nahezu einzigartig und genießt weltweiten Ruf. Praktisch alle Kameratypen und technischen Innovationen sind durch typische Beispiele vertreten. Auch die Fotosammlung wurde stark erweitert und diversifiziert – sowohl hinsichtlich ihrer geografischen und historischen Reichweite als auch in Bezug auf die Formensprache und Medientypen.
Ein bedeutender Teil dieser Sammlung besteht aus 193 Daguerreotypien: wunderschöne Beispiele der ersten Fotografien. „Photography Inc.“ präsentiert unter dem Titel „Daguerreotype Mania“ eine kleine Auswahl von 33 der schönsten und wertvollsten Exemplare. Dieser Artikel befasst sich mit der Vorbereitung und Präsentation der Daguerreotypien in der Photography IncAusstellung.
Was ist eine Daguerreotypie?
Die Daguerreotypie ist nach dem französischen Erfinder Louis-Jacques-Mandé Daguerre benannt, der das Verfahren zusammen mit Joseph Nicéphore Nièpce entwickelte. Das Bild entsteht auf einer spiegelnden, versilberten Kupferplatte. Die Platte wird mit Joddampf sensibilisiert, bis sie einen goldgelben Farbton annimmt, und dann in der Kamera belichtet. Die Belichtungszeit variiert zwischen 15 Sekunden und 60 Minuten. Anschließend wird die Platte über einem Quecksilberbad platziert, das schrittweise auf 60 °C erwärmt wird. Die Quecksilberdämpfe entwickeln die Platte, die dann mit Meersalz fixiert wird. Wie ein Polaroid ist die Daguerreotypie ein Unikat-Verfahren, das ein einziges, nicht reproduzierbares Bild liefert. Das Ergebnis ist eine scharfe, detailreiche und spiegelnde Abbildung. Im Gegensatz zu Papier ist die Daguerreotypie nicht flexibel und relativ schwer. Die Platte ist sehr fragil und wird daher in einer luftdichten Einfassung oder einem Etui präsentiert, damit sie „unveränderlich“ bleibt.
Obwohl die Daguerreotypie in Europa erfunden wurde, fand sie bald ihren Weg in die Vereinigten Staaten, wo sie extrem populär wurde. Europäische und amerikanische Daguerreotypien lassen sich durch ihre Gehäuse unterscheiden. Das offene europäische Modell besteht aus einer Montage: ein dekorierter Rahmen, der an die Wand gehängt werden kann, meist aus bemaltem Glas und Papier oder Karton. Das geschlossene anglo-amerikanische Modell ist ein Etui („Case“): ein tragbares Objekt aus Leder oder einem synthetischen Material, das man wie eine Brieftasche bei sich tragen kann.
Vorbereitung der Platten
Die meisten Daguerreotypien blicken auf eine lange Geschichte zurück. Das bedeutet, dass sie nicht nur Alterungsprozesse durchlaufen haben, sondern oft auch durch Vorbesitzer beschädigt wurden. Das Restaurierungsatelier des FOMU muss sicherstellen, dass diese Objekte langfristig erhalten bleiben. Dabei arbeiten die Konservatoren einerseits präventiv, andererseits restaurativ. Schädliche Einflüsse müssen eliminiert oder behandelt werden, ohne die Authentizität des Objekts zu stark zu beeinträchtigen. Vor etwa zwölf Jahren herrschte die Philosophie vor, dass alles, was mit der Platte in Berührung kommt, so säurefrei wie möglich sein muss. Diese Methode sah vor, eine neue, luftdichte Versiegelung in das Etui einzusetzen, damit die Platte nicht mit säurehaltigen Originalelementen in Kontakt kommt. Das FOMU lehnte diese Methode ab, da das Erscheinungsbild des Objekts dadurch zu stark vom Originalzustand abwich. Heute führen die Konservatoren des FOMU nur noch minimale Eingriffe durch und stellen sicher, dass die Platte luftdicht eingefasst ist. Ein bläulicher Schimmer am Rand einer Platte – ähnlich wie Seifenblasenfarben – deutet beispielsweise darauf hin, dass die Einfassung nicht mehr luftdicht ist. Wenn die Platte oxidiert, kann das Bild systematisch verschwinden. Die Konservatoren führen keine klassische Restaurierung durch, sondern konzentrieren sich auf die Konsolidierung. Dabei wird geprüft, ob die Einfassung noch wirksam abdichtet, und diese gegebenenfalls erneuert, um weitere Oxidation zu verhindern.
Die Herausforderung bei der Präsentation von Daguerreotypien
In der Ausstellung werden die Daguerreotypien in einem intimen Rahmen präsentiert. Das FOMU schaffte die Atmosphäre einer kleinen Schatzkammer, indem es eine Art Box mit dunkelgrauen Wänden und eingebauten Vitrinen errichtete. Die kleinen, dunklen Vitrinen sind über die Wände verteilt und werden mit einer großen Vitrine kombiniert, die Daguerreotypie- und Ferrotypie-Kameras sowie Originallithografien mit Karikaturen der damaligen Zeit zeigt.
Daguerreotypien sind die am schwierigsten auszustellenden Fotografien. Die meisten sind kleine Objekte, die von der Ganzplatte (ca. 6 x 8 cm) über die Sechstelplatte (ca. 6 x 2 cm) bis zur Sechzehntelplatte (ca. 3 x 16 cm) reichen. Das bedeutet, dass sie aus sehr kurzer Distanz betrachtet werden müssen. Es sind intime Objekte, die dazu bestimmt sind, in der Hand gehalten und nah betrachtet zu werden. Einige Platten sind sogar in Schmuckstücke eingearbeitet. Sie sind nicht nur kleine, kostbare Objekte, sondern die Platte wirkt zudem wie ein Spiegel. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, ein gutes Seherlebnis zu ermöglichen. Es ist extrem schwierig, die Lichtquellen zu kontrollieren und störende Sekundärreflexionen zu eliminieren. Diese können die Platte verdecken oder ein negatives Bild zeigen. Daguerreotypien müssen im richtigen Winkel präsentiert werden, damit das positive Bild sichtbar wird. Viele Faktoren, wie die Körpergröße des Betrachters oder sogar dessen Kleidung, beeinflussen das Seherlebnis. Bei falschem Winkel oder schlechten Lichtverhältnissen sieht der Betrachter nur sich selbst, wie in einem Spiegel.
In den Vitrinen des FOMU werden eine oder mehrere Daguerreotypien gezeigt. Alle Platten sind in handgefertigten Acrylhalterungen in einem 45°-Winkel aufgestellt, um direkte Reflexionen zu vermeiden. Die dunkel gestrichenen Vitrinen bieten den besten Hintergrund. Für die Beleuchtung arbeitete das FOMU mit dem Lichtexperten Chris Pype (Licht Bvba) zusammen. Jede gerahmte Daguerreotypie wurde sorgfältig von einer oder mehreren Glasfaser-Lichtquellen beleuchtet, die in die Wände integriert wurden. Die allgemeine Galerieleuchtung wurde auf ein Minimum reduziert, um die Leuchtkraft der Daguerreotypien hervorzuheben.
Aufgrund der extrem kostbaren und fragilen Natur der Daguerreotypie ist bei der Präsentation besondere Sorgfalt geboten. Obwohl Daguerreotypien mäßig lichtempfindlich sind, sind die Materialien der Einfassung und die Pigmente der Handkolorierung sehr flüchtig. Da Daguerreotypien komplexe Verbundobjekte sind, die empfindlich auf ihre Umgebung reagieren, werden sie nur in klimatisierten Ausstellungsräumen präsentiert (kontrollierte Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit). Das FOMU kontaktierte Tru Vue für ein Sponsoring von Optium Museum Acrylic®. Da es 99 % UV-Schutz bietet, kratzfest, interferenzoptisch entspiegelt, antistatisch und bruchsicher ist, war dies die beste Wahl für die Verglasung der Vitrinen, um diese einzigartigen und unersetzlichen Daguerreotypien zu schützen und optimal zu präsentieren.
Das FOMU entschied sich aus mehreren Gründen für Acryl statt Glas:
- Bruchfestigkeit: Sicherheitsaspekte für die Sammlung (Einbruchschutz) aufgrund der wertvollen Unikate.
- Splitterschutz und Kratzfestigkeit: Wiederverwendbarkeit der Vitrinen (Transport, Lagerung und Handhabung).
- Antistatisch: Dank der antistatischen Beschichtung von Optium® ziehen die Vitrinen weniger Staub an.
- Verarbeitung: Das FOMU ist im Umgang mit Acrylglas erfahren und verfügt über die nötige Ausrüstung zum Schneiden und Reinigen im eigenen Haus.
- Erfahrung: Das FOMU hatte bereits früher mit Glasprodukten von Tru Vue gearbeitet und wollte nun Optium Museum Acrylic® einsetzen.
- Gewicht: Glas von Tru Vue ist schwerer als Acryl, wodurch das Acrylglas leichter zu handhaben ist.
Erfahren Sie mehr über dieses Projekt, indem Sie unsere Website besuchen. Fallstudie zum Projekt oder besuchen Sie die FOMU-WebsiteFOMU koordiniert das internationale Projekt „daguerreobase“, eine Online-Anwendung mit detaillierten Informationen zu Daguerreotypien. Mitglieder können Datensätze einzelner Daguerreotypien einsehen, bearbeiten und speichern sowie Beziehungen zu anderen Datensätzen anhand verschiedenster Merkmale herstellen. Dazu gehören Sammlungen, Besitzer, Urheber, Punzen, Gehäusemodelle, Größen, Materialien und Freitextbeschreibungen. Ziel von „daguerreobase“ ist es, digitale Bilder und Beschreibungen von über 25000 historischen europäischen Daguerreotypien zusammenzuführen. Europäische Daguerreotypien sind selten, da sie in institutionellen und privaten Sammlungen weltweit verstreut sind. Viele Aspekte dieser Daguerreotypien sind noch unerforscht.
Über die Autorin
Tamara Berghmans
Kuratorin der FOMU-Sammlung
Tamara Berghmans ist Kuratorin der Sammlungsabteilung am FOMU – Fotomuseum Antwerpen in Belgien. Sie promovierte in Kunstgeschichte, arbeitete als Assistenzkuratorin für Fotografie am Stedelijk Museum Amsterdam und lehrte an der Vrije Universiteit Brüssel. Sie ist Autorin zahlreicher Publikationen, darunter „Photography Inc.“ (Lannoo, 2015), Ed van der Elsken. Looking for Love on the Left Bank (Aman Iman Publishing, 2013), The Eye of the Photographer (Lannoo, 2012) und The Making of a Photobook. Sanne Sannes’ Maquette for ‘Diary of an Erotomaniac’ (Rijksmuseum Amsterdam, 2010).
